| Norbert mit den Segelohren
Ich schreibe diese kleine Geschichte zum Gedenken an meinen Nachbarn Norbert. Mit Absicht habe ich Nachbarn und nicht Freund geschrieben, da ich die Bezeichnung Freund nicht verdient habe. Es ist eine etwas ältere Geschichte, da ich vorher nicht in der Lage war sie zu Papier zu bringen. Es war für mich schwer meine Schuld einzugestehen und nicht mehr mit dem Finger auf andere zu deuten, was ich auch nur im Geheimen tat.
Die Geschichte beginnt zu meiner Grundschulzeit und wenn ich mich recht entsinne mit der dritten Klasse. Unsere Klasse bestand zu Zweidrittel aus Mädchen. Wir Jungs brachten es nur auf eine spärliche Anzahl von sieben. Diese doch relativ kleine Gruppe von männlichen Wesen in unseren Klassenraum, wobei ich hinzufügen möchte, daß kein einziger Lehrer, sondern nur Lehrerinnen an unserer Schule angestellt waren, schloß seit der ersten Klasse eine Freundschaft. Ich möchte hier das Wort Freundschaft benutzen, da ich es nicht nur für angemessen halte, sondern weil mir zu unsere Zusammengehörigkeit kein anderes Wort passend zu sein scheint. Wir litten zusammen in der Schule und spielten zusammen auf dem Spielplatz. Als einmal ein älterer Junge einen von uns an den Kragen wollte, hielten wir zusammen und schlugen zusammen zu. Ich möchte von uns nicht von einer Bande oder Clique sprechen, da es eine Organisation in unserer Gruppe nicht gab. Es gab keinen der die Clique befehligte, und es wurden auch keine Mutproben veranstaltet. Es wurde niemand gefragt, ob er dazu gehören wollte, denn unsere Gruppe bestand einfach nur so, ohne Vertrag und ohne Eid. Wir waren keine Unruhestifter. Wir verhauten keine kleinen Jungs und taten auch sonst nichts verbotenes, wenn man einmal von dem unbefugten Betreten von Baustellen absah. Fast jeden Nachmittag trafen wir uns. Mal auf dem Schulhof, mal auf dem Spielplatz oder bei einem von uns zu Hause spielten und quatschten wir, wobei weder eine Anwesenheitsliste oder ein Protokoll geführt wurden. Oft sprachen wir von unseren Träumen, über die Hausaufgaben oder von Fernsehsendungen, die uns sehr gefielen. Es war soweit alles in Ordnung bis eben halt das dritte Schuljahr begann. In diesem Schuljahr nämlich kam ein neuer Junge in unsere Klasse, der vor zwei Wochen mit seinen Eltern zu meinen neuen Nachbar geworden war. Ich hatte ihn schon im nachbarlichen Haus des öfteren gesehen, wobei ich es nicht gewagt hatte, mich ihm vorzustellen. Unsere Klassenlehrerin erzählte uns, daß er Norbert hieß. Er stellte sich, nach zweifachen drängenden Auffordern der Lehrerin, dann selbst vor. Er stotterte. Ich hatte in meinem Leben zuvor noch nie jemanden stottern gehört. Meinen Freunden und mir standen die Münder offen, da wir alle verblüfft waren. So etwas kannten wir bis dato nicht. Einer meiner Freunde flüsterte, so daß unsere Lehrerin es nicht hören konnte, ob es für solche Kinder keine Sonderschule gab. Wir lachten alle, die es hören konnten. Da ich es hören konnte, lachte ich auch. Es war nicht nur das Stottern dieses Jungen, weshalb wir ihn alle so ansahen. Sein Gesicht war nicht von Schönheit geprägt, um es deutlich zu umschreiben, würde ich ihn als häßlich bezeichnen. Für ein Kind hatte er viel zu ernste und alte Gesichtszüge und es sah ständig so aus, als ob er Grimassen zog. Wenn er niesen mußte, sah er wie ein Affe aus. Wenn er streng nachdachte, sah er wie ein von der Sonne geblendeter Maulwurf aus. Wenn er las, wie eine Ratte. So sahen wir Jungs ihn jedenfalls. Nur eins schien immer an diesem Gesicht zu stören. Es waren seine Ohren. Wir bemerkten gleich, daß es Elefantenohren waren. Wir sprachen vom ersten Tag an in unsere Gruppe nie von Norbert, sondern immer nur von Segelohr. Ich versuchte Segelohr zu meiden, was mir schwer fiel, da er den selben Heimweg wie ich hatte und wir ja Nachbarn waren. Nach einer Woche geschah es dann, daß wir gemeinsam den Weg von der Schule nach Hause unternahmen. Wir radelten Seite an Seite auf dem Radweg nach Hause. Wir sprachen kein Wort. Wir fuhren den ganzen Weg stumm, jeder für sich und doch konnte ich es mir nicht verkneifen, ihn öfter anzusehen. Ich wurde von mir selber gezwungen Segelohr genauer zu studieren. Seine Ohren waren wirklich viel zu groß und sein Gesicht sah schrecklich häßlich aus, aber ich konnte ihn gut leiden. Ich verstand es nicht, obwohl wir uns nicht kannten, konnte ich ihn gut leiden. Je öfter wir zu zweit schweigend nebeneinander fuhren, desto mehr war er mir vertraut. Ich hatte das Gefühl, daß wir uns sehr gut kannten und nach nur wenigen Fahrten, dachte ich fast, daß dieses "Nebeneinanderradfahren" schon immer so war. Die anderen Jungs in meiner Klasse hänselten Segelohr häufig. Am Anfang nahm ich passiv daran teil, dann stand ich schon etwas abseits und lächelte nur, bis ich schließlich die Schaubühne des Hänselns aus der Ferne ohne eine Freudigkeit auf meinem Gesicht beobachtete. Segelohr wehrte sich nie. Wie sollte er sich auch gegen diese Übermacht wehren? Er ließ alles mit sich machen. Er akzeptierte die Namen, die sie ihm gaben und ließ sich an den Ohren zupfen. Die Lehrerinnen bekamen es zum größten Teil nicht mit und wenn sie es doch mal sahen, trieben sie die Horde von Segelohr weg, um ihn in der nächsten Pause ihr wieder zu überlassen. Ich weiß heute nicht mehr, ob ich damals Mitleid für ihn empfand. Ich wußte nur, daß ich mich nicht daran beteiligen wollte. Er war immer ernst und lächelte nie bis zur letzten Heimfahrt. Wir fuhren an diesem Tag, wie so viele Tage zuvor, unsere zehn Minuten nach Hause. Von der Schule aus lag sein Haus näher. Kurz bevor wir an diesem Tag die Auffahrt erreichten, sahen wir uns an. Unsere Blicke trafen sich. Ganz unerwartet sagte er "Tschüss" zu mir und bog in seine Auffahrt ein. Das erste Mal hatte er ein Wort zu mir gesagt. Er hatte sich aber nicht nur einfach verabschiedet, sondern hatte sogar ein Lächeln auf seinem Gesicht, welches ihn viel hübscher machte. Ich konnte ihn in diesen Moment fast schön nennen.
Am nächsten Tag standen zwei Krankenwagen und ein Polizeiauto vor des Nachbars Haus. Ich wußte nicht was geschehen war. Am Nachmittag erfuhr ich von meiner Mutter, daß Norbert einen tödlichen Unfall hatte. Mir konnten sie damals nichts mehr vormachen. Ich wußte genau, daß Norbert keinen Unfall hatte. Er wußte genau was er tat, weil er sich von mir verabschiedet hatte. Er betrachtete mich wohl als Freund. Ich hatte nur sechs Freunde. Es waren meine Schulkameraden und sie blieben es auch. Ich betrachtete Norbert nur als einen Nachbarsjungen, obwohl ich bei der Nachricht seines Todes weinen mußte.
© Toddy Franz
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