| Verpaßte Gelegenheit
Die zwei Kerzen auf dem herzlich gedeckten Tisch brannten langsam ab. Sie schaute von ihrem Buch zur Uhr hoch. Es war schon 22 Uhr. Er wollte vor 1 ½ Stunden bei ihr sein. Seit einer Stunde las sie nun und jede zehn Minuten sah sie auf die Uhr. Der Inhalt des Buches war ihr unbekannt. Sie las die einzelnen Wörter, fand das eine oder andere Wort recht hübsch, aber konnte den Zusammenhang des Buches nicht folgen. Ihre Gedanken waren woanders. Sie kannte nicht einmal die Hauptfigur des Buches oder die Epoche, in welcher es spielte. Gedankenlos las sie und speicherte nichts ab. Seite für Seite verstrich wie die Zeit langsam und unbemerkt.
Das Essen war kalt. Sie hatte es zwar in den Ofen zurückgestellt, doch dieser war schon ausgekühlt. Er hatte ihr am Morgen hoch und heilig versprochen, gleich nach der Arbeit zu kommen. Er wollte nicht wieder mit den Kollegen noch ein Bierchen trinken gehen. Sie wußte nun, daß er sich anders entschieden hat. Vielleicht hatte er sich aber auch gar nicht anders entschieden. Vielleicht hatte er es auch nur vergessen, wie so viele Male zuvor. Sein Gedächtnis war schon immer ein Sieb. Am Abend hatte er noch an das Rendezvous gedacht, über das Mittagessen es langsam vergessen, bis er am Abend keine Erinnerungen mehr daran hatte. Dann hat ihn nach Dienstschluß ein Arbeitskollege gefragt, ob sie noch eben in die nächste Kneipe gehen wollen, wobei sie natürlich an der Pommesbude vorbeikamen. Dort haben sie sich dann beide eine Currywurst reingeschoben bis sie in der Kneipe von zwei kühlen Blonden erwartet wurden. Dort redeten sie ein bißchen über die Arbeit und über zu Hause und über die Träume, die sie sich mit einem Sechser im Lotto erfüllen könnten. Bei diesen Gedanken wurde sie wütend. Sie gab sich Mühe den Abend so romantisch wie möglich zu gestalten, um ihn und natürlich auch sich selber das Leben zu versüßen. Er dachte aber nicht daran. Sie hatte einen schönen und liebevollen Abend erwartet. Sie wußte nicht, ob sie wütender als enttäuschter war. Vielleicht hielt es sich die Waage.
Als das Schloß in der Haustür aufsprang, legte sie behutsam das Buch auf den Tisch und kennzeichnete ihr fortkommen im Buch mit einem Lesezeichen. Als er in den Raum kam, bemerkte sie seine Überraschung und kurz danach seine Reue. Er bemerkte ihre Enttäuschung. Seine Augen baten sie um Vergebung. Sie stand auf, ging auf ihn zu und umarmte ihn zarthaft. Ihre Umarmung sagte ihm, daß ihm vergeben war. Ihm war vergeben, aber es war nicht vergessen. Eine Strichliste braucht sie für seine Unzuverlässigkeit nicht. Das Essen wurde aufgewärmt und der Abend verlief anders als geplant.
© Toddy Franz
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